Einleitung
Der Aufbau „situierten Wissens" wird durch die Authentizität von Lernsituationen und erlebnisorientierte Verankerung begünstigt. Dies hängt davon ab, dass Lernenden methodisch ausreichend Raum zur Selbstkonstruktion von Wissen eröffnet wird. Das Genetische Prinzip und das Entdeckende Lernen sind zentral in der Paradigmenorientierten Didaktik.
Bedeutung für die Lerntheorie
Aus konstruktivistischer Perspektive gibt es drei Gründe:
- Herausbildung anwendungsfähiger wissenschaftlicher Wahrnehmungsschemata als zentrales Ziel
- Unmittelbarer Erlebnisbezug des Wissens aus authentischen Kontexten
- Selbstkonstruktiver Charakter des Wissenserwerbs durch problemorientierte und entdeckend-selbständige Verfahren
2.1 Problemorientierter Einstieg in die Tiefenpsychologie
Demonstration „Gedächtnislücken": Kursteilnehmer schreiben innerhalb von 5 Minuten alle Gefühlsbegriffe auf, die ihnen einfallen. Nach 2–3 Minuten versiegt der Gedankenstrom typischerweise. Im Nachgespräch werden Verwirrung, Gedankenblockaden, Peinlichkeit thematisiert. Schüler erkennen Zusammenhänge mit gesellschaftlich negativ bewerteten Gefühlen, mit Scham, und mit in der Vergangenheit sanktionierten Gefühlen.
Tiefenpsychologische Deutung: Das Vergessen drückt unbewusste Prozesse aus. Verdrängung führt zu Abwehrmechanismen und „Lücken" in der bewussten Wahrnehmung.
2.2 Problemorientierter Einstieg in die Ganzheitspsychologie
Vier Einstiegsdemonstrationen:
- Scheinbewegung nach Wertheimer: Zwei abwechselnde Balken werden bei steigender Frequenz als pendelnder Balken wahrgenommen.
- Akustische Gestalten: Gleichförmiges Ticken, „dirigierter" Viervierteltakt — Schüler hören den Takt trotz gleichbleibender physikalischer Reize.
- Unvollendete Rhythmen: Schüler berichten Spannung und das Bedürfnis, den Rhythmus zu beenden.
- Rasterbild: Beim Entfernen des stark vergrößerten Rasterbildes erkennen Schüler plötzlich den Bildgegenstand.
Schüler entdecken Emergenzprinzip, Selbstorganisation, dynamisches Gleichgewicht.
2.3 Problemorientierter Einstieg in den Behaviorismus
Zwölf Alltags-Lernszenarien werden vorgelegt (Kind, Hund, Schulwitze etc.). Schüler erkennen, dass sich die Häufigkeit von Verhalten durch unmittelbare Konsequenzen ändert: positive Verstärker (Hinzufügen angenehmer Reize), negative Verstärker (Entfernen unangenehmer Reize), Löschung und Strafe.
Klassisches Experiment: Skinner-Box. Eine Taube lernt, auf rote Lampe nicht, auf grüne dagegen Picken (Diskriminationslernen).
2.4 Problemorientierter Einstieg in die Psychobiologie
Demonstration „Kindchenschema": Schüler schätzen das Alter von Kindern und Schafen anhand von Fotografien. Hohe Übereinstimmungen über beide Arten. Schüler identifizieren typische Merkmale junger Lebewesen (größerer Kopf, höhere Stirn, größere Augen im Verhältnis zum Gesicht) und entwickeln Hypothesen zur biologischen Funktion.
2.5 Problemorientierter Einstieg in den Kognitivismus
Bruner-Postman-Experiment: Tachistoskopische Wahrnehmung von Tabu- vs. Neutralwörtern. Auswertung: Abwehrer (T − N > 0) zeigen längere Erkennungszeiten für Tabuwörter, Sensibilisierer (T − N < 0) kürzere. Schüler reflektieren die Paradoxie: Wie können Tabuwörter abgewehrt werden, wenn sie noch nicht erkannt wurden? — Übergang zum Speichermodell.
2.6 Zusammenfassung
Psychologieunterricht kann problemorientiert und auf entdeckendes Lernen ausgerichtet werden. Neues Wissen entwickelt sich genetisch aus bestehendem, was jedem Schüler autonome Konstruktion individuellen, situierten Wissens ermöglicht. Durch gezielte Selektion von Phänomenen ist „gelenkt entdeckendes Lernen" eines Paradigmas möglich.