Handlungsorientierte Verfahren bieten im Psychologieunterricht die Möglichkeit, soziale Kompetenzen konkret einzuüben. Hier werden nicht nur „handlungspropädeutische" Kognitionen vermittelt — einzelne soziale Teilkompetenzen können auch in simulierten oder realen Situationen erprobt werden.
4.1 Hauptkennzeichen handlungsorientierter Verfahren (nach Meyer 1991)
- Im Mittelpunkt steht die Herstellung eines gemeinsamen Handlungsprodukts — materielle Produkte, inszenierte Vorgänge, größere Projekte.
- Schüler arbeiten selbständig, planen und steuern ihre Aktivitäten möglichst eigenständig.
- Der Lehrer regt an, berät, koordiniert und nimmt seine Einmischung zurück.
- Handlungsorientierter Unterricht sollte ganzheitlich sein — inhaltlich, methodisch, personal.
- Themen, Produkte und Ziele berücksichtigen subjektive Interessen der Schüler.
Handlungsorientierte Verfahren integrieren die methodischen Schwerpunkte unmittelbares Erleben, entdeckendes Lernen und alltagsorientierte Anwendung.
4.2 Fünf Beispiele für den Psychologieunterricht
Beispiel 1: Gewichtete Liste von Alltagsbeispielen — Klassisches Konditionieren
Vier Gruppen suchen nach Alltagsbeispielen für klassische Konditionierung von Gefühlen (zwei Gruppen für negative, zwei für positive). Phase 1: SNA-Methode (Suche nach Alternativen) — alle Vorschläge werden notiert, jede Kritik ist verboten. Phase 2: Auswahl, Diskussion und Nachweis des Lernschemas. Phase 3: Rangreihe nach Typizität. Auswertung im Plenum.
Beispiel 2: Rollenspiel „Expertenkontroverse"
Fallbeispiel „Sascha will nicht in den Kindergarten". Zwei Gruppen bereiten ein Beratungsgespräch vor — eine aus behavioristischer, die andere aus tiefenpsychologischer Perspektive. Inhalte: Ursachen, Interventionen, ungeeignete Maßnahmen. Im Plenum Simulation des Beratungsgesprächs, gefolgt von Metareflexion (Gefühle, Hauptunterschiede der Paradigmen, Theorievergleich, Kompromissmöglichkeiten).
Beispiel 3: Videofilm „Strategien zur Gewinnung von Selbstsicherheit"
Vier Schülergruppen erarbeiten je eine paradigmatische Sicht auf Selbstsicherheit: kognitivistisch (Denk- und Interpretationsmuster, Self-Monitoring), behavioristisch (Auslöser, schrittweise Desensibilisierung), psychobiologisch (soziales Dominanzverhalten, Sub-/Dominanzstrategien), tiefenpsychologisch (Minderwertigkeitsgefühle, Kompensation, Zugehörigkeitsgefühle).
Beispiel 4: Podiumsdiskussion „Leistungsangst bei Schülern" (nach Kira Alsleben)
Drei „Experten" — tiefenpsychologisch, behavioristisch, kognitivistisch — bereiten Kurzvorträge vor; alle anderen übernehmen Rollen (Schüler, Lehrer, Mutter/Vater) und bringen Alltagserfahrungen ein. Lehrer als Moderator. Mit minimalen Eingriffen wird eine Diskussion geführt, die paradigmatische Perspektivunterschiede sichtbar macht.
Beispiel 5: Untersuchung subjektiver psychologischer Alltagstheorien
Schüler interviewen Versuchspersonen anhand des Falls „Herr F" (Wasserscheue mit Schlafstörungen). Spontane Hauptursache + wichtigste Maßnahme werden notiert, paradigmatisch zugeordnet und mit Chi-Quadrat-Tests ausgewertet (Geschlechts-, Alters-, Konsistenz-Vergleiche).
4.3 Zusammenfassung
Handlungsorientierte Verfahren sind originäre Situationen zum selbständigen Aufbau situierten Wissens in sozialen Situationen. Sie ermöglichen gleichzeitig die Einübung konkreter sozialer Kompetenzen — orientiert auf ein Handlungsprodukt, das die selbständigen Bemühungen bündelt und mit einem operationalen Ziel versieht. Im Rahmen der Paradigmenorientierten Didaktik besonders geeignet für höhere kognitive Lernziele und für konkretes soziales Handeln.