1. Allgemeines zum Begriff des Paradigmas
1.1 Der Paradigmenbegriff Kuhns
Nach Kuhn bildet ein Paradigma die grundlegende wissenschaftliche Anschauungsform. Wissenschaftler benötigen ein Wahrnehmungsschema, das festlegt, „welche Probleme und Phänomene relevant sind und welche Methoden zu ihrer Lösung überhaupt in Frage kommen". Paradigmen sind so fundamental strukturiert, dass ihre Falsifizierbarkeit ausgeschlossen ist.
1.2 Zwei Paradigmen: geozentrisches und heliozentrisches Weltbild
Kuhn nutzt die historischen Weltbilder als Musterbeispiele:
- Geozentrisches Weltbild: Die Erde steht fest; alle Himmelskörper bewegen sich um sie.
- Heliozentrisches Weltbild: Die Sonne steht fest; Planeten bewegen sich um sie.
Aus physikalischer Perspektive entstehen beide Sichtweisen durch willkürliche Festlegung des Bezugssystems. Keine Sichtweise ist „richtig" oder „falsch" – keine ist falsifizierbar.
2. Die fünf Paradigmen der Psychologie
2.1 Das Paradigma der Tiefenpsychologie
Zentrale Gegenstände:
- Unbewusste psychische Prozesse als Grundlage allen Erlebens
- Psychisches System, das Bedürfnisse mit äußeren Anforderungen vereinbart
- Unbewusste Konflikte und Abwehrmechanismen
- Persönlichkeits- und Charakterstruktur
Forschungsprinzipien: psychoanalytische Gesprächssituation, Introspektion, theorieorientierte Deutung, Einzelfallstudien.
Wichtige Vertreter: Freud, Adler, Jung, M. Klein, Erikson, Kohut.
2.2 Das Paradigma der Ganzheitspsychologie
Zentrale Gegenstände:
- Emergenzprinzip: „Ganzheiten sind stets etwas anderes als die Summe ihrer Teile."
- Selbstorganisation: Ganzheiten entstehen spontan aus sich selbst
- Dynamisches Gleichgewicht und Selbststabilisierung
Forschungsprinzipien: ganzheitliche Erfassung in realistischen Situationen; Theoriebildung durch experimentelle Demonstrationen.
Wichtige Vertreter: Wertheimer, Köhler, Koffka, Lewin, Piaget, Perls, Rogers, Watzlawick.
2.3 Das Paradigma des Behaviorismus
Zentrale Gegenstände:
- Objektiv beobachtbares Verhalten des Individuums
- Äußere Reize kontrollieren Verhalten
- Reiz-Reaktions-Verknüpfungen (S-R-Schema)
- Lernen durch dauerhafte Verhaltensveränderung
Forschungsprinzipien: streng experimentelle Methode unter kontrollierten Bedingungen, Reproduzierbarkeit.
Wichtige Vertreter: Watson, Skinner, Hull, Eysenck.
2.4 Das Paradigma der Psychobiologie
Zentrale Gegenstände:
- Autonomes, zielgerichtetes Verhalten
- Genetische Grundstruktur und kulturelle Lernprozesse
- Adaptive Funktion für Überleben und Fortpflanzung
- „Reproduktive Fitnessmaximierung" durch natürliche Selektion
Forschungsprinzipien: Feldstudien und Laborexperimente, vergleichende Verhaltensforschung.
Wichtige Vertreter: Lorenz, Tinbergen, Bowlby, Ainsworth, Wilson.
2.5 Das Paradigma des Kognitivismus
Zentrale Gegenstände:
- Informationsverarbeitung: Erlebnis und Verhalten entstehen als Produkt kognitiver Prozesse
- Kognitionen als organisierte Wissensrepräsentationen
- Speicherung, Verknüpfung und Vergleich von Kognitionen
- Zielgerichtete, plangesteuerte Handlungen
- Individuen als autonome, homöostatische Systeme
Forschungsprinzipien: objektive, quantitative empirische Modelle; Labor- und Feldexperimente, repräsentative Befragungen.
Wichtige Vertreter: Wygotsky, Luria, Miller, Pribram, Bruner, Chomsky, Heider, Kelley, Beck, Ellis.