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Einige Überlegungen zur Legitimation der Paradigmen-orientierten Didaktik

Von Günter Sämmer

1. Allgemeine Grundsätze

1.1 Weltanschauung ist auch Wegschauen: Von Paradigmen und Sprachspielen und der Wahrheit

Wahrnehmung funktioniert durch selektive Fokussierung. Wie Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen zeigt, können wir eine Illustration entweder als umgestülpte Kiste oder als Quader sehen – niemals beides gleichzeitig. Unsere Deutung bestimmt, was wir wahrnehmen: „Wir deuten sie, und sehen sie, wie wir sie deuten".

Diese Grundbilder, die unseren Zugang zur Wirklichkeit lenken, wirken oft unbewusst und bestimmen unser Handeln. Ein alltägliches Beispiel: Erleben wir, wie eine Mutter ihr Kind züchtigt, lenkt unser psychologisches Paradigma unsere Wahrnehmung auf bestimmte Fragen – etwa zur Vorgeschichte der Mutter oder zum Wohlbefinden des Kindes – während andere Aspekte ausgeblendet werden.

1.2 Die Illusion von der einzigen Wahrheit und ihre totalitären Folgen

Große gesellschaftliche Entwürfe prägen:

  • Wahrnehmungsschemata für wissenschaftliche und private Gegebenheiten
  • Erklärungsprinzipien für Zusammenhänge
  • Handlungsmuster für soziales Verhalten
  • Gefühls- und Denkstile
  • Werteraster für Richtig und Falsch

Diese Entwürfe beanspruchen Universalität und schließen Alternativen aus. Die Geschichte zeigt: Wo Absolutheitsansprüche durchgesetzt werden, entstehen Herrschaftsstrukturen. Lyotard argumentiert, dass der Glaube an eine einzige Wahrheit zum Terror führt — die Opferzahlen von Inquisition bis zum 20. Jahrhundert belegen dies.

1.3 Die „postmoderne" Persönlichkeit und ihre „Pluralitätskompetenz"

Moderne Menschen verfügen über gut ausgebildete Pluralitätskompetenz: Sie bewegen sich morgens im Sprachspiel rationaler Geschäftstätigkeit, abends im Sprachspiel künstlerischen Genusses – ohne dabei zu schauspielern. Diese Fähigkeit, multiple Perspektiven zu handhaben, ist für das Zusammenleben in pluralen Gesellschaften essenziell.

Welsch fordert eine „Kultur des blinden Flecks" – die Sensibilisierung für Pluralität und Differenz. Nur durch gegenseitige Achtung unterschiedlicher Lebensentwürfe lässt sich Totalitarismus vermeiden.

1.4 Für eine „Kultur des blinden Flecks": Lernen, die Perspektive zu wechseln

Pluralitätskompetenz entsteht nicht durch Festlegung auf einen großen Entwurf, sondern durch regelmäßigen Perspektivwechsel. SchülerInnen sollten erfahren, dass wissenschaftliche Ansätze, die zunächst fremd wirken, bei gründlicher Auseinandersetzung ihren Reiz offenbaren.

2. Über den Psychologieunterricht

2.1 „Wissenschaftspropädeutik" oder „Lebenshilfe" – eine längst überwundene Alternative

Der Psychologieunterricht verfolgt zwei komplementäre Ziele: einerseits die Vermittlung wissenschaftlicher Modelle aus den Teildisziplinen der Psychologie sowie wissenschaftlich begründeter Handlungsmodelle, andererseits die Erfahrbarmachung dieser Modelle an alltagsrelevanten Phänomenen durch Selbsterfahrung in Experimenten, Demonstrationen und Übungen.

Gislinde Bovet bringt es auf den Punkt: „Lebenshilfen geben heißt, Schülern psychologisches Wissen geben, das bedeutungsvoll, nützlich und anwendbar ist" – gleichzeitig erfolgt damit Wissenschaftspropädeutik.

2.2 Psychologische Erklärungs- und Handlungsmodelle aus unterschiedlichen Paradigmen

Jedes psychologische Paradigma hat unterschiedliche Gegenstände und Perspektiven. Ein zentrales Ziel sollte die Entwicklung der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Perspektivwechsel sein. Schüler sollten erleben, dass Ansätze, die zunächst Widerstand auslösen, bei gründlicher Auseinandersetzung ihre Fruchtbarkeit offenbaren.

Ein solcher Wechsel sollte folgende Aspekte intensiv erfassen:

  • Die jeweilige Vorstellung vom Psychischen
  • Die jeweilige Sicht vom Menschen
  • Die typischen Forschungsmethoden

Literatur

  • Bovet, G. (1993). Wie sieht guter Psychologieunterricht aus? Frankfurt/M.: Lang.
  • Welsch, W. (1993). Ästhetisches Denken. Stuttgart: Reclam.
  • Engelmann, P. (Hrsg.) (1991). Postmoderne und Dekonstruktion. Stuttgart: Reclam.
  • Fischer, H.R., Retzer, A. & Schweitzer, J. (Hrsg.) (1992). Das Ende der großen Entwürfe. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Lyotard, J.-F. (1993). Das postmoderne Wissen. Wien: Passagen.
  • Reese-Schäfer, W. (1989). Lyotard zur Einführung. Hamburg: Junius.
  • Wittgenstein, L. (1984). Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.