Aus dem gegebenen Anlass findet coronabedingt in diesem Jahr keine Tagung statt.Aus dem gegebenen Anlass findet coronabedingt in diesem Jahr keine Tagung statt.
     +++  06. 09. 2020 Info zur Tagung 2020  +++     
     +++  29. 04. 2020 Mehr Psychologie in die Schulen!  +++     
     +++  29. 04. 2020 Neuer Flyer des Verbandes  +++     
     +++  29. 04. 2020 Mit Psychologie das Klima retten?  +++     
Link verschicken   Drucken
 

20-jähriges Bestehen des Verbands der Psychologielehrerinnen und -lehrer

gehalten vom Bundesvorsitzenden Dieter Schürmans am 2.12.98 in Schwerte

Anfang der 70er Jahre haben sich in Nordrhein-Westfalen ein gutes Dutzend Gymnasiallehrerinnen und -lehrer zusammengefunden, um das von ihnen an verschiedenen Schulen neu eingeführte Fach Psychologie zu vertreten und seine Weiterentwicklung zu fördern. Sie erarbeiteten im Auftrag des Kultusministeriums erste Lehrpläne und tauschten sich bei Fortbildungsveranstaltungen des Landesinstituts aus. Auf einer Fortbildungsveranstaltung für Psychologielehrer an Gymnasien und berufsbildenden Schulen in Heidenoldendorf am 9.6.78 wurde der Beschluß zur Gründung eines Verbandes gefaßt, der dann beim Amtsgericht Siegburg zur Eintragung ins Vereinsregister angemeldet wurde. Als Aufgaben und Ziele des Verbandes wurde all das angegeben, was bis heute regelmäßig auf dem hinteren Deckblatt unserer Verbandszeitschrift abgedruckt ist. Alle 10 Ziele sind, mit Ausnahme der Herausgabe von Schulbüchern, im Laufe der Zeit realisiert worden. Doch bis dahin war es ein weiter, sehr oft beschwerlicher Weg.

Bereits kurz nach der Verbandsgründung wurde der Kontakt zu Psychologielehrern anderer Bundesländer hergestellt, angestoßen durch ein von der Universität Gießen veranstaltetes Symposion zum Psychologieunterricht in der BRD. Es fanden jährliche Mitgliederversammlungen statt, ab 1981 dann auch in Verbindung mit mehrtägigen Fortbildungsveranstaltungen, das erste Mal hier in Schwerte, seit 1984 wechselnd in verschiedenen Bundesländern. Die ersten Publikationen waren Rundbriefe, später in Heftform, aus denen dann unsere Verbandszeitschrift "Psychologieunterricht" wurde, die momentan zweimal jährlich -mal dicker, mal dünner- erscheint. Ab 1991 wurde die Verbandsarbeit auch auf die neuen Bundesländer ausgeweitet, seit 1992 fanden bereits dreimal Mitgliederversammlungen und Fortbildungsveranstaltungen in den neuen Ländern statt. 1992, wenn auch keineswegs in Zusammenhang mit der Einbeziehung der neuen Länder, wurde der Verbandsname nach heftiger Diskussion auf der Mitgliederversammlung vom Verband der Lehrer in den der Lehrerinnen und Lehrer geändert.

Seit einigen Jahren sind die von Mitgliedern erstellten Unterrichtsmaterialien über einen zentralen Materialversand zu beziehen, die Redaktion unserer Verbandszeitschrift übernehmen im Wechsel verschiedene Verbandsmitglieder. Die Beziehungen zum Bund Deutscher Psychologen sind gewachsen, es kommt zu gemeinsamen Tagungen wie noch vor zwei Monaten in Triberg. Unsere Ehrenvorsitzende wurde sogar im letzten Jahr mit der goldenen Ehrennadel des BDP ausgezeichnet. Auch die Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ist inzwischen gewährleistet. Im letzten Jahr wurden bundeseinheitliche Empfehlungen für das Lehramtsstudium Psychologie verabschiedet, vor drei Monaten waren wir bei dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft in Dresden mit einem Informationsstand vertreten und konnten unser Unterrichtsfach interessierten Professoren vorstellen. In allen Bundesländern erfüllen Verbandsmitglieder die Aufgaben von Fachleitern und Fachmoderatoren, sitzen in den Richtlinienkommissionen und führen regionale Lehrerfortbildungen durch. Ohne den Verband der Psychologielehrerinnen und -lehrer wäre der heutige Psychologieunterricht nicht denkbar.

Wenn das kein Anlaß ist, sich zurückzulehnen und zufrieden zu sein. Wir haben uns eingerichtet - haben zumeist hochmotivierte Schülerinnen und Schüler, befassen uns mit Unterrichtsinhalten, die immer wieder neu unser Interesse wecken, können auf gute Materialien zurückgreifen, genießen bei unseren Jahrestagungen fast familiäre Atmosphäre.

Ich bin nicht zufrieden, und manchmal ärgerlich auf Kolleginnen und Kollegen, die sich zu stark eingerichtet haben. Sie wollen zum Beispiel an ihrer Schule in ihrem so beliebten Fach keine fremden Götter neben sich haben. Andere Kolleginnen und Kollegen gehen in Pension und kümmern sich nicht darum, ob das Fach an ihrer Schule weiter besteht. Wieder andere engagieren sich in der Referendarzeit, und wenn sie eine Stelle haben, vergessen sie, daß diese nicht vom Himmel gefallen ist, sondern oft durch den persönlichen Einsatz anderer Kollegen ermöglicht wurde. In den letzten 20 Jahren sind ein Drittel der Psychologielehrer-Arbeitsplätze in NRW verschwunden - und im Osten wieder aufgetaucht. Unser spezieller Solidaritätsbeitrag für den Aufbau Ost.

Wir sollten stets daran denken, daß unser Verband nicht nur den Zweck hat, Serviceleistungen für die Verbandsmitglieder zu erbringen. Letztlich geht es um das Engagement für die Erziehung und Bildung junger Menschen, denen unser Unterrichtsfach weit mehr zu bieten hat als manche Bildungspolitiker ahnen.

Um zu einer Standortbestimmung des heutigen Psychologieunterrichts zu gelangen, möchte ich wiederum einen Blick auf die Vergangenheit werfen, sehen, wo das Fach herkommt, denn nicht nur unser neuer Bundeskanzler will wissen, wo er hingehört.

Der Anschaulichkeit halber wollte ich zunächst visuell einen Zeitstrahl präsentieren, der die Entwicklung des Faches aufzeigt, ich konnte mich aber nicht für die Richtung entscheiden: aufwärts - abwärts - nach links - eventuell sogar nach rechts, ich bin noch immer unschlüssig, auch weil die Geschichte in allen Bundesländern voneinander abweicht (vielleicht können wir später gemeinsam ein Urteil fällen- natürlich handlungsorientiert).

Bei dem folgenden Rückblick werde ich beispielhaft öfter auf die Entwicklung des Gymnasialfaches in Nordrhein-Westfalen eingehen, dies bitte ich nicht als Ignorieren der Bedeutung des Psychologieunterrichts an beruflichen Schulen und in anderen Bundesländern zu verstehen, die Reduktion entspringt dem einfachen Grund, daß mir die nordrhein-westfälische Bildungspolitik geläufiger ist.

Das Unterrichtsfach Psychologie hat seinen Ursprung in gesellschaftlichen Tendenzen, ja reformatorischen Bestrebungen der 60er Jahre. Nachdem der Bildungsnotstand ausgerufen worden war, sollten gerade im Bildungswesen alte Zöpfe abgeschnitten werden. Neue pädagogische Lernziele entstanden, die Inhalte des humanistischen, altsprachlich orientierten Gymnasiums schienen nicht mehr geeignet, den modernen Anforderungen der sich wandelnden Gesellschaft zu entsprechen. Auch die erst langsam beginnende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit hatte Einfluß darauf, daß in der Schule Unterrichtsfächer stärker zu Kritikfähigkeit und Mündigkeit erziehen sollten. Hierzu erschien neben der Pädagogik vor allem das Fach Psychologie besonders geeignet. So gab es Ende der 60er Jahre in fast allen alten Bundesländern, in denen das Fach auch heute noch Bestand hat, Arbeitsgemeinschaften außerhalb der normalen Stundentafeln. Mit der Einführung der reformierten Oberstufe Anfang der 70er Jahre eröffnete sich dann in einigen Bundesländern die Möglichkeit, das Fach auch in regulären Grund- oder Leistungskursen zu unterrichten. Die Kritik der Reform ließ jedoch nicht lange auf sich warten. So spielte bei der Verbandsgründung vor 20 Jahren sicher auch der Gedanke eine Rolle, der entstehenden "Gegenreformation" organisiert wirksam entgegentreten zu können. In Nordrhein-Westfalen wollte der Landtag bereits 1979 das Fach Psychologie wieder aus dem Fächerkanon herausnehmen. Vor der entscheidenden Sitzung des Schulausschusses stand auf dem Gang vor dem Sitzungszimmer eine Frau, die an die Landtagsabgeordneten Informationsbroschüren verteilte, in denen auf die Bedeutung und Notwendigkeit des Faches hingewiesen wurde. Das Fach blieb - die Frau war unsere damalige Vorsitzende, Frau Dr. Gertrud Paffrath.

Wir hatten zwar ein Fach, aber wenige Lehrerinnen und Lehrer. Es gab keine Möglichkeit, Psychologie für das Lehramt zu studieren. Die Universitäten hatten genug mit den Numerus clausus Diplom Psychologen zu tun und hatten kein Interesse an der Ausbildung von Psychologielehrern. Auch bestanden sowohl bei der Deutschen Gesellschaft für Psychologie als auch beim BDP erheblichen Bedenken gegen die Einführung des Faches. Die Deutsche Gesellschaft lehnte in den 70er Jahren ein Schulfach Psychologie und die entsprechende Lehrerausbildung ab, da man fürchtete, der ganze Fachbereich werde seinen wissenschaftlichen Ruf verlieren, wenn das Unterrichtsfach Psychologie in der Schule zur "Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung" beitragen müßte. Die Psychoanalyse und auch die Humanistische Psychologie - kurz alles, was nicht "wissenschaftlich" (damals meinte man damit behavioristisch) war, sollten in den Giftschrank. Psychologielehrer auszubilden war so manchen Hochschullehrern peinlich. - Inzwischen hat sich da zum Glück ja einiges geändert.

Der erste Psychologieunterricht war auf Lehrer angewiesen, die entweder schon als Diplom-Psychologen im Schuldienst tätig waren oder aus eigenem Antrieb eine Erweiterungsprüfung in Psychologie absolviert hatten. (man sieht: die heutige Situation in den neuen Bundesländern ist gar nicht so neu). Erst 1983 wurde ein ordentlicher Studiengang für das Lehramt an der Universität Duisburg eingerichtet.

Ein anderer Komplex mit Schwierigkeiten war die Entwicklung von Richtlinien, deren erste Entwürfe in den 70er Jahren entstanden, als in den alten Bundesländern der bis heute recht unterschiedliche Status des Faches festgelegt wurde. Inhalte waren dabei stets umstritten (schön, daß dies bis heute so geblieben ist). Im Juli 1981 wurden z.B. in Nordrhein-Westfalen die Richtlinien für das Fach abgelehnt (damit auch das Fach), weil in ihnen das tiefenpsychologische Paradigma berücksichtigt worden war (damals sagte man übrigens noch nicht Paradigma, sondern schlicht: die Psychoanalyse). Wider einmal intervenierte Frau Dr. Paffrath und holte Gutachten von Professsoren wie z.B. Alexander Mitscherlich, Horst-Eberhard Richter und Franz Wellendorf ein, aufgrund ihrer Stellungnahmen wurden die Richtlinien noch im Oktober des gleichen Jahres genehmigt.

Mit den genehmigten Richtlinien und dem Ausbildungsort Duisburg war zwar die Existenz des Faches in NRW zunächst gesichert - die Bedeutung des Faches für die Schullaufbahn wurde jedoch sukzessive geschmälert. Von 1980 - 1984 konnte es z.B. nicht mehr das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld vertreten und fand sich in einer seltsamen Konstellation neben Religion und Sport als keinem Aufgabenfeld angehörend wieder. Oft wurde gefragt, worin der tiefere Sinn dieser Gruppierung läge. Er blieb ein Mysterium, daß sich nur dem Kultusministerium erschloß.

Ende der 80er Jahre wurde der Stellenwert des Psychologieunterrichts durch die Aufwertung der Fächer Geschichte, Sozialwissenschaften, Religion und Philosophie geschmälert und zur Zeit gibt es im Kultusministerium Tendenzen, das Kursangebot für Schülerinnen und Schüler generell zu beschneiden. Indiz hierfür ist die quasi schon verabschiedete Pflichtbindung für Mathematik, fortgeführte Fremdsprache und Deutsch bis zum Abitur sowie die Neugestaltung der Jahrgangsstufe 11.

Trotz dieser Restriktionen zeigt das Wahlverhalten der Oberstufenschüler, daß unser Fach auf außerordentliches Interesse stößt. So gibt es zwar eine große Nachfrage, auch ein adäquates Angebot an qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern, aber kaum Neueinstellungen. In den 80er Jahren wurden aus finanziellen Gründen überhaupt keine Einstellungen vorgenommen, zur Zeit finden junge Psychologielehrerinnen und Lehrer keine Anstellung, weil die beschränkten Mittel für die Einstellung anderer Lehrer mit scheinbar wichtigeren Unterrichtsfächern verwendet werden.

Zum Glück geht aber nicht nur die Sonne im Osten auf. Die Einrichtung und Entwicklung des Faches in den neuen Bundeslänern Brandenburg und Sachsen-Anhalt, in Berlin und vielleicht auch zukünftig in Sachsen gibt Anlaß zur Freude. Kurz nach der Wiedervereinigung wandte sich der Verband an die im Entstehen begriffenen Kultusministerien mit Hinweisen auf die Existenz und Bedeutung des Faches und dem Angebot, Hilfestellung zu leisten. Positives Echo kam jedoch vorerst nur aus Brandenburg. Dort meldeten sich über 100 Lehrerinnen und Lehrer, die an einer zusätzlichen Ausbildung für die Fakultas Psychologie interessiert waren. Diesen Lehrern wurde die Teilnahme an einem kurzen Intensivkurs ermöglicht, der dann in ein berufsbegleitendes Aufbaustudium an der Universität Potsdam mit Abschlußexamen mündete.

Inzwischen hatte sich in Sachsen-Anhalt eine Entwicklung angebahnt, die mit zweijähriger Verzögerung einen analogen Verlauf nahm. Zur Zeit sind dort bereits zwei Kurse in der Ausbildung an der Universität Halle, für mehr als 2000 Schüler ist das Fach schon Realität.

Nach weiteren zwei Jahren kam schließlich in Berlin eine Entwicklung in Gang, in deren Verlauf über dreißig Lehrer ausgebildet wurden, so daß jetzt in der zukünftigen Hauptstadt an mehr als dreißig Gymnasien Psychologieunterricht erteilt werden kann, während dies vorher nur an einer einzigen Schule in West-Berlin möglich war.

Dies alles ging nicht so glatt über die Bühne, wie es hier klingt. Immer wieder sorgten die Behörden für Unsicherheit, so war zu Beginn unklar, ob das Fach mehr als eine Arbeitsgemeinschaft sein dürfe, dann, ob es Abiturkurse geben dürfe, plötzlich fehlten die Mittel zur Weiterführung der Ausbildung, schließlich die Prüfungsordnung;- auch hier war es ein beständiger Hindernislauf, bei dem viele Kolleginnen und Kollegen aus den alten Bundesländern sehr engagiert geholfen haben. Das Resultat ist auf jeden Fall beachtlich: Zur Zeit ist die Anzahl der Abiturkurse im Osten höher als im Westen. Zumindestens hier scheinen sich Zukunftsaussichten zu eröffnen.

Morgen vormittag werden wir gemeinsam über das angestrebte Profil unseres Faches, über den Psychologieunterricht der Zukunft nachdenken. Ich möchte jetzt einige Überlegungen - manchmal sehr subjektiv - über die Zukunft des Psychologieunterrichts anstellen.

Vorab: Der Siegeszug der Psychologie in der Schule ist nicht mehr aufzuhalten, zwar nicht aufgrund des Psychologieunterrichts, aber aufgrund anderer Unterrichtsfächer. Im Deutschunterricht wird die psychoanalytische Methode der Texterschließung vermittelt, natürlich auch das Thema Kommunikation, was wiederum die Sozialwissenschaften erbost. Der Biologieunterricht erweitert die biologischen Aspekte um alle möglichen, die mit Psychologie zu tun haben (dann wird es interessanter), muß in Bezug auf die Gestaltwahrnehmung aber aufpassen, dem Kunstunterricht nicht ins Gehege zu kommen. Dieser wiederum gerät bei der Unterrichtsreihe "psychologische Aspekte bei der Werbung" in Konflikt mit dem Musikunterricht, in dem die Schüler erkennen, daß sich eine Praline mit der "Carmina burana" besser verkaufen läßt. Die Pädagogik beansprucht ein traditionelles Recht auf das Lernen und die Entwicklungspsychologie. Der Religionsunterricht, obwohl Präferenzen für das kollektive Unbewußte nicht zu verkennen sind, macht alles, was Schüler wollen. An unserer Schule gibt es in einem Englischkurs der Jgst. 13 ein ganz neues Unterrichtsvorhaben: "Die Psyche der Monica Lewinsky". Die Psychologie wirkt wahrlich fächerverbindend.

Psychologie ist außerhalb und innerhalb der Schule "in"; es stellt sich die Frage, warum Bildungspolitiker anscheinend so wenig Interesse am Psychologieunterricht haben.

Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick auf die aktuellen Tendenzen in der Bildungspolitik hilfreich. - Die Schule ist (wieder einmal) ins Gerede gekommen. TIMSS-Studien belegen scheinbar, daß deutsche Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich schlecht abschneiden, die Wirtschaft beklagt mangelndes Grundwissen und Methodenkompetenz, viele Hochschullehrer vermissen (wie schon so oft im Vorfeld anstehender Reformen) die Studierfähigkeit bei Abiturienten. (Nach der durchgeführten Reform wird es dann meistens für einige Jahre still, um dann - nicht etwa festzustellen, daß sich nichts geändert hat - nein, um dann eine Reform zu fordern, da in den letzten Jahren, usw. ).

Wie dem auch sei, die jüngsten KMK-Vereinbarungen und ihre gegenwärtige Umsetzung in einigen Bundesländern versuchen der Kritik zu begegnen, indem neue Richtlinien erarbeitet wurden und neue Wege bei der Organisation des Bildungswesens eingeschlagen werden.

Auf die inhaltlichen und methodischen Veränderungen, die aufgrund von neuen Richtlinien auch auf unser Fach zukommen, möchte ich hier an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Ich nehme die Neuerungen sehr ernst, allerdings stimmt es mich auch heiter, wenn ich sehe, wie hier unter den gegenwärtigen bildungspoltischen Veränderungen die Quadratur des Kreises angestrebt wird. Aber vielleicht gibt es ja in Zukunft von Schülern selbst regulierte Qualitätskontrollen, mehr Projektunterricht nach Abschaffung des 13. Schuljahres, höhere Sozialkompetenz durchs Zentralabitur und Fächerverbindung durch Eliminierung von Fächern.

Damit bin ich bei dem Punkt, der mir wirklich Sorge macht, bei der Zukunft unseres Bildungswesens, damit auch bei der Zukunft des Psychologieunterrichts.

Trotz der neuen Regierung: Ich glaube, in der Bildungspolitik ist der Revisionismus auf dem Vormarsch. Man will der eben angesprochenen Kritik begegnen, indem man in der gymnasialen Oberstufe zum traditionellen Bildungskanon der 50er und 60er Jahre zurückkehrt. Dies mag überspitzt und sicher zu pauschal klingen.

Natürlich wissen wir, daß in Nordrhein-Westfalen die CDU einen verbindlichen Fächerkanon für die Sekundarstufe II fordert, der RCDS in Hessen verlangt zum Auftakt des Landtagswahlkampfes verbindliche Abiturprüfungen in 5 Fächern, in Baden-Würtemberg ist der Wegfall der Differenzierung von Grund- und Leistungskursen geplant. Aber wir wissen auch, daß viele Kultusminister (unter ihnen Frau Behler) den Vorwurf, sie hätten nostalgische Anwandlungen und würden sich in die gute, alte Zeit zurücksehnen, weit von sich weisen würden. Sie wissen, daß früher nicht alles besser war, aber sie haben als Politiker auch gelernt, dem Druck gesellschaftlicher Gruppen nachzugeben. So hat man hier in Nordrhein-Westfalen vor gut 10 Jahren gewissen SPD-Kreisen nachgegeben, neben Geschichte auch das Fach Sozialwissenschaften in der Oberstufe fester zu verankern, wenig später den Kirchen, und noch schnell eine Belegungsverpflichtung für Religion hinzugefügt (die Landtagswahlen standen ja auch kurz bevor), zur Zeit gibt man Wirtschaftsinteressen nach, die sich vor allem von der Stärkung der Fächer Mathematik und Fremdsprachen das Heil der Welt erhoffen. Dabei sieht man eventuell überhaupt nicht, daß durch diese Reförmchen andere Fächer wegfallen.

Vielleicht will man es aber auch nicht sehen, die Psychoanalyse würde hier von Verdrängung sprechen, da etwas anderes im Vordergrund steht. Durch das Abschaffen von Wahlmöglichkeiten, letztlich also durch die Rückkehr zum Klassenverband, kann man enorm sparen. Zudem hat man vielleicht die irrationale Hoffnung, daß mehr Pflichtbindungen das Abitur schwerer machen, dadurch die Schülerzahlen an weiterführenden Schulen sinken, was ebenfalls das Bildungssystem billiger machen würde. In diesem Fall wäre die auslösende Angst für den Verdrängungsmechanismus sehr klar, zumindest bei Bildungspolitikern, die seit langer Zeit den Kampf gegen die Elitebildung auf ihre Fahnen geschrieben haben. Welche bewußten oder unbewußten Motive auch immer Bildungspolitiker leiten mögen, für den Psychologieunterricht eröffnen sich keine rosigen Aussichten.

Gerade deshalb möchte ich nun einige Aspekte nennen, die unser Fach so unverwechselbar und unverzichtbar machen. Und ich möchte auch Sie alle bitten, nicht nachzulassen, darauf in der Öffentlichkeit immer wieder hinzuweisen.

Psychologie ist eines der wenigen gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, das nicht nur an allgemeinbildenden, sondern auch an beruflichen Schulen unterrichtet wird. Dort - und darum sind Kolleginnen und Kollegen an beruflichen Schulen zu beneiden - kann die Anwendung und Umsetzung des Wissens in der Praxis bei Hospitationen direkt beobachtet werden. Aber auch an allgemeinbildenden Schulen ist die Bedeutung der Praxis evident. Es gibt kaum noch einen Beruf, in dem heute auf psychologische Grundkenntnisse verzichtet werden kann: Nicht nur im Gesundheits- und Erziehungswesen, in Politik, Wirtschaft und Justiz, in der Welt der Medien - überall (vor allem auch in Führungspositionen) wird vorausgesetzt, daß man auch ohne Psychologiestudium die Fähigkeit besitzt, das Erleben und Verhalten anderer Menschen zu verstehen und angemessen zu handeln. (Heute bezeichnet man dies als die Schlüsselqualifikation der sozialen Kompetenz.) Wir können und wollen diese Fähigkeit vermitteln.

Der Psychologieunterricht hat gegenüber jedem anderen Unterrichtsfach den unschätzbaren Vorteil, daß er an der Lebenswirklichkeit junger Menschen anknüpft. Auch das eigene Erleben und Verhalten wird direkt oder indirekt immer mitthematisiert. Schülerinnen und Schüler erfahren tagtäglich im Psychologieunterricht, daß sie - nicht nur bezogen auf ihre spätere berufliche Tätigkeit - , für ihr Leben, für ihre Gegenwart und Zukunft lernen.

Trotzdem: Ich möchte nicht mißverstanden werden. So wichtig es mir ist, in der Schule die persönliche Entfaltung von Schülerinnen und Schülern zu fördern (früher sagte man Selbstverwirklichung), ich möchte die Hommage an unser Fach nicht nur mit dem beruflichen oder persönlichen Nutzen begründen. Ich halte es mit dem neuen Hartmut von Hentig: Im Zweifel ist die Bildung der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen vorzuziehen.

Fehlende Allgemeinbildung ist ja übrigens auch das, was heutigen Schulabgängern gerne vorgeworfen wird. (Schuld sind vor allem die Lehrer, besonders die der Gesamtschulen.) Auch dem Psychologieunterricht wird zuweilen vorgeworfen, er würde zu spezielle Unterrichtsinhalte vermitteln, für die Allgemeinbildung wären doch die klassischen, traditionsreichen Fächer besser geeignet.

Ein Thema, über das lange zu reden sich lohnen würde: Wer weiß denn, wer wann warum zu wem nach Canossa kroch? Nun ja - vielleicht haben einige von uns heute abend noch Lust, Trivial Pursuit zu spielen, aber das kann doch wohl nicht mit Allgemeinbildung gemeint sein. Obwohl: so ein paar geschichtsträchtige Namen und Zahlen, ein paar Zitate, am besten in Latein, putzen doch ungemein. Für meinen Vater, der in den 20er und 30er Jahren die Volksschule besuchte, ist es heute noch ein Zeichen von Bildung, die ersten Strophen von Schillers Glocke rezitieren zu können; meine Schüler betrachten mich manchmal mitleidig, da ich nicht in der Lage bin, die Namen von 5 Talk-Show-Mastern zu nennen. Aber das ist ein zu weites Feld. Mich amüsiert nur immer wieder, wenn ich sehe, was welche Menschen zu welcher Zeit als unverzichtbaren Bestandteil der Allgemeinbildung definieren wollen. Ich werde den Verdacht nicht los, daß sie just das dazu zählen, was sie selbst in ihrer Schulzeit gelernt haben. Da kann unser Unterrichtsfach mit seiner knapp 30-jährigen Geschichte kaum mithalten.

Aber es kann etwas anderes. Es kann entscheidend zu einer Bildung beitragen, die man nicht verordnen oder gar erzwingen kann. Sie muß vom Lernenden zu seiner eigenen Sache gemacht werden. Wir können ihm nur helfen, sich die Welt anzueignen, die Welt des Menschen, des Menschen, der in Bezug zu Natur, Kultur und Gesellschaft Gegenstand unserer Bezugswissenschaft ist.

Dies klingt vielleicht etwas hochtrabend in Hinblick auf manche Schülerinnen und Schüler, die zwar sehr motiviert unser Fach wählen, zu Beginn vom Psychologieunterricht aber vor allem Esoterik, Parapsychologie und das Herumstochern in den Untiefen der Psychoanalyse erwarten. Aber auch gerade diesen Schülerinnen und Schülern wollen wir einen wissenschaftlichen Zugang zur Psychologie vermitteln, wir zeigen ihnen die Beschränktheit der alltagspsychologischen Theorien auf und immunisieren sie gegen die Verlockungen des boomenden Psycho-Marktes. Wir geben jungen Menschen die Möglichkeit, das Erleben und Verhalten des Menschen systematisch und historisch wahrzunehmen, die unterschiedlichen Menschenbilder der Psychologie kritisch auf ihre ethischen Implikationen zu prüfen und die Aufforderung zur sozialen Verantwortung anzunehmen. Für manche ist dies eine Zu-Mutung, das soll es auch sein - in meinem Verständnis hat Bildung immer etwas mit Mut zu tun.

Meine Erfahrung mit Schülerinnen und Schülern zeigt, daß gerade diejenigen, die gelernt haben, ihr eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen und damit zu relativieren, ein hohes Maß an Toleranz aufweisen und sensibel für die Belange anderer Menschen werden. Ich halte es nicht für einen Zufall, daß viele Schülerinnen und Schüler, die Verantwortung für jüngere Mitschüler übernehmen, die sich schulpolitisch engagieren, die durch ihr friedfertiges und friedensstiftendes Verhalten auffallen, in den Psychologiekursen der Oberstufe zu finden sind. Dabei scheint mir ihr Verhalten nicht pädagogischer Experimentierfreude zu entspringen, es ist das Resultat eines Erkenntnisprozesses, den zu fördern unsere Aufgabe als Lehrer ist.

Vor einem Monat las ich in einem Kommentar der FAZ, daß unser neuer Innenminister, Herr Schily, anläßlich der Verlegung der Kulturabteilung vom Innenministerium ins Kanzleramt bemerkte: Wer Musikschulen schließe, schade der inneren Sicherheit. Die ernstgemeinte Begründung enthält den Gedanken, daß man dort lernt, daß Leistung und Spaß am Lernen sich nicht ausschließen, daß man dies als persönliche Bereicherung erfährt, die zur Stabilität, zur Ich-Stärke beiträgt, die das rastlose Suchen nach immer neuen "Kicks" überflüssig macht.

Ich möchte diese Begründung für den Psychologieunterricht übernehmen. Ich weiß zwar nicht, ob ohne Psychologieunterricht die innere Sicherheit unseres Landes gefährdet wäre, aber ich weiß sicher, daß ein wesentliches Element für die Erziehung und Bildung der jungen Generation fehlen würde.

Ich habe eben die nicht so rosige Zukunft des Psychologieunterrichts angesprochen. Ich möchte zum Schluß daran erinnern, daß unser Fach manchmal spöttisch als Orchideenfach belächelt wird. Orchideen sind nicht nur selten, sondern auch kostbar. Bewahren und fördern wir, was uns kostbar ist.